Investor Mit politischer Ansage aus Berlin scheitert
das letzte Solarglaswerk von Europa
DAS BITTERE ENDE IN TSCHERNITZ
Die Zeit der heißen Schmelzwanne in der GMB Glasmanufaktur Brandenburg in Tschernitz ist
vorbei. Mit dem Ablauf der letzten Kündigungsfristen geht zum Ende des Monats März dieses
Jahres am letzten Solarglas-Standort der Europäischen Union (EU) das Licht aus. Aber ein
neuer mysteriöser Investor aus der Schweiz tritt nun als Schlüsselfigur auf den Plan.
Der Endpunkt einer langen Abwärtsspirale wird jetzt gesetzt: Rund 220 Mitarbeiter, viele von
ihnen seit der ersten Stunde dabei, räumen ihre Spinde im Solarglaswerk. Es ist ein bitteres
Ende für ein Unternehmen in Deutschland, das technologisch zur Weltspitze gehört hat, aber
dem Marktdruck aus China nicht standhalten kann. Zu günstig sind die hochsubventionierten
Importe von Solarmodulen und -glas aus Asien.
Industriepolitische Kapitulation
Noch im September letzten Jahres keimte Hoffnung auf. Die Landesregierung iri Potsdam und
der Insolvenzverwalter signalisierten einen Durchbruch: Ein Investor stünde bereit, das Werk
zu übernehmen. Doch Ende November platzte die Bombe. Der Interessent zog seine Zusage
wieder zurück.
Der Grund: Während in Berlin über „Resilienz-Boni" – eine staatliche Förderung für
Solarparks, die europäisches Glas verbauen - gestritten wurde, fielen die Preise für
chinesisches Importglas ins Bodenlose. Ohne politischen Schutzwall gegen die Billigimporte
aus China aber war das wirtschaftliche Risiko am Standort Tschernitz schlicht nicht mehr
kalkulierbar. Die Gewerkschaft IG BCE spricht von einer „industriepolitischen Kapitulation".
Nach dem Kahlschlag gibt es erste konkrete Ansätze für eine Nachnutzung des rund 260.000
Quadratmeter großen GMB-Areals. Die Gemeinde Tschernitz und die Wirtschaftsförderung
Brandenburg (WFBB) setzen dabei auf eine Strategie der Parzellierung und Neuausrichtüng.
Die sieht so aus:
Vom Monostandort zum Gewerbepark. Da ein einzelner Großinvestor für die Glasproduktion
nicht in Sicht ist, wird das 1'Gelände für eine Mischnutzung vorbereitet. Die hervorragende
Infrastruktur macht den Standort für energieintensive Branchen attraktiv. Der Gasanschluss ist
leistungsstark, die Industriehallen sind massiv.
Fokus Kreislaufwirtschaft. Favorisiert werden Konzepte, das Gelände als Zentrum für die
Aufbereitung von Photovoltaik-Altmodulen zu nutzen. Ironischer weise kann Tschernitz somit dort enden, wo alles begann:
beim Glas. Nur diesmal am Ende des Produktlebenszyklus, im Recycling.
Logistik-Hub. Aufgrund der Grenznähe zu Polen und der nahen Schienenanbindung prüfen Logistikdienstleister die Nutzung der großen Hallen
als Umschlagplatz für den osteuropäischen Markt.
Erhalt der Werkfeuerwehr. Ein kritisches Thema für die Gemeinde Tschernitz ist die Zukunft der werkseigenen Feuerwehr. Es gibt Pläne, diese in
eine kommunale Struktur zu überführen oder als Dienstleister für einen künftigen Gewerbepark zu erhalten, um den Brandschutz für das
gesamte Areal sicherzustellen.
Jetzt greift ein neues Schweizer Phantom ins Geschehen ein. Aber was ist dran an einem weiteren Investor aus dem Alpenraum, nachdem die
letzte Rettung der GMB Tschernitz zum Albtraum wurde? Oft ist in der Lausitz von einem Schweizer Investor für das Solarglaswerk gesprochen
worden. Gemeint war die Interfloat Corporation. Der Hintergrund: Die GMB in Tschernitz war industriell, untrennbar mit der Interfloat
Corporation verbunden, die ihren Sitz in Ruggell (Liechtenstein) hat - direkt an der Grenze zur Schweiz.
Da Interfloat der exklusive Vertriebspartner und zeitweise Miteigentümer der Glasmanufaktur Tschernitz war, sind Nachrichten über das
Unternehmen in der Lausitz oft als „News vom Schweizer Partner" wahrgenommen worden. Im Zuge der Insolvenz 2025 versuchten die Akteure
aus Liechtenstein/Schweiz zwar» Rettungsmodelle zu stützen, konnten aber gegen den Marktdruck aus Asien ohne staatliche Hilfe nicht
bestehen.
Der Investor, der im Herbst 2025'kurz vor der Übernahme stand und dann im November absprang, hielt seine Identität zwar offiziell geheim.
Aber in Branchenkreisen hieß es, dass es sich um ein Konsortium mit Beteiligung von Schweizer PrivateEquity-Kapital handelte.
Dieser geschlossene Fonds sammelt Kapital von Investoren, um meist über zehn bis 15 Jahre in Wachstumsunternehmen oder Firmenübernahmen
(Buyouts) zu investieren und diese nach einer Wertsteigerung wieder zu verkaufen.
Der damalige Investor hatte seine Zusage für die GMB aber an die Bedingung geknüpft, dass die EU oder Deutschland den Resilienz-Bonus - eine
Förderung für Anlagen mit lokal produziertem Solarglas - einführen. Als diese politische Entscheidung im Winter 2025/2026 ausblieb, zog sich die
Gruppe zurück.
Strategischer Standort
Dass aktuell wieder über einen
Schweizer Investor getuschelt wird,
hat vermutlich einen neuen Grund:
Nachdem die Glasproduktion als
Ganzes gescheitert ist, wird das
GMB-Gelände auch parzelliert
angeboten.
Es gibt Berichte, dass sich ein
Schweizer Logistik-Unternehmen
für Teile der riesigen Hallen
interessiert.
Nach aktuellem Stand ist keine
Rückkehr zur Glasherstellung in
Sicht Es handelt sich wohl um die
Suche nach einem strategischen
Standort nahe der polnischen
Grenze für Lager- und Verteil-
Zentren und damit um eine rein
immobilienwirtschaftliche Nutzung des Glaswerk-Areals. Die Information,
dass ein Logistik-Unternehmen aus der Schweiz an Tschernitz interessiert ist,
stammt aus aktuellen Vermarktungs-Updates der Wirtschaftsförderung
Brandenburg (WFBB).
Eine offizielle Stellungnahme dazu gibt es nicht. Sprecher Alexander Gallrein
erklärt lediglich: „In dieser Angelegenheit ist derzeit der Insolvenzverwalter
am Zuge. Wir stehen mit unseren Instrumenten der Wirtschaftsund
Arbeitsförderung gerne bereit, die Bemühungen um eine zukunftsfeste
Perspektive für den Standort aktiv zu unterstützen."
Zubau-Rekord: Im Jahr 2025 wurden in Deutschland rund 16,5 Gigawatt (GW)
Solarleistung neu installiert.
Abhängigkeit; Trotz des Booms werden aktuell über 95 Prozent der PV-
Komponenten, einschließlich des Glases, aus Asien importiert.
Strommix; Die Photovoltaik deckte 2025 erstmals rund 18 Prozent der deutschen Nettostromerzeugung und überholte damit die Braunkohle mit
etwa 14 Prozent Marktanteil.
Installierte Leistung: Deutschland knackte Anfang 2026 die Marke von 117 GW installierter PV-Gesamtleistung.
Das Ziel: Um die Klimaziele 2030 zu erreichen, müsste der Jährliche Zubau auf fast 20 GW gesteigert werden - und das fast ausschließlich mit
Import-Ware.
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